M’Orpheo

nach Claudio Monteverdi, Techno-Kompositionen: Gebrüder Teichmann

Theater Regensburg, Premiere 14. März 2020

Der Sänger Orpheus trauert um seine verstorbene Geliebte, Eurydike. Der Klang seiner Stimme rührt die Götter und sie erlauben ihm, Eurydike aus dem Reich der Toten zu holen, solange er sich auf dem Weg zurück nicht nach ihr umblickt. Doch Orpheus scheitert. Die Trennung ist unumkehrbar.

Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ aus dem Jahr 1607 ist die erste vollständig erhaltene Oper. Sie dient als Grundlage für eine zeitgenössische Befragung des antiken Orpheus-Mythos um die (Ohn-)Macht der Kunst. In „M’Orpheo“ treffen Motive Monteverdis auf elektronische, technoide Klänge.

Die Rolleneinteilung in männliche Künstler und weibliche Musen auflösend, werden Konzeptionen von Geschlecht, Genialität und Schönheit auf die Probe gestellt.

Eine dionysische Expedition zum Ursprung des Musiktheaters.

MIT Sara-Maria Saalmann, Vera Semieniuk, Onur Abaci, Thorbjörn Björnsson, Johannes Mooser, Oliver Weidinger, Edgar Wiersocki, Edwin Dickman, der Statisterie, dem Opernchor und dem Philharmonischen Orchester Regensburg

MUSIKALISCHE LEITUNG UND ARRANGEMENT Tom Woods INSZENIERUNG UND FASSUNG Julia Lwowski, Franziska Kronfoth BÜHNE UND KOSTÜME Yassu Yabara VIDEO Martin Mallon DRAMATURGIE Julia Anslik LICHT Wanja Ostrower

Kritiken

“Stille Feier der Musik:

Das Theater Regensburg beendet seinen Spielbetrieb mit einer imposanten Geisteraufführung, die auch in die Zukunft des Genres Oper weist: Die Gebrüder Teichmann unterlegen Monteverdis “L’Orfeo” mit Techno, das Kollektiv “Hauen und Stechen” macht daraus ein überbordendes Erlebnis.

Auch ohne der virusbedingten Sondersituation, auch ohne das irritierende Gefühl, zum letzten Mal für wohl lange Zeit eine Opernpremiere mitzuerleben, wäre die Aufführung ungewöhnlich genug. […]

Bei der vorliegenden Geisterpremiere nun handelt es sich zwar um einen der ältesten dieser Schinken überhaupt, um Monteverdis “L’ Orfeo”, aber so, wie dieser hier dargereicht wird, hat man das auch noch nicht erlebt. Neundorff brachte das Theaterkollektiv Hauen und Stechen mit den Gebrüdern Teichmann zusammen. Die Teichmanns machen Technomusik, Hauen und Stechen garantieren ungewöhnlichste Inszenierungslösungen. […]

Um eines gleich zu sagen: Ist die Aufführung vorbei, würde man sie am liebsten gleich noch einmal sehen, weil man erst im Verlauf ihrer drei Stunden beginnt zu kapieren, in welch überbordendes Panoptikum man da hineingeraten ist. […]

Zu Beginn zieht eine leicht durchgeknallte Hochzeitsgesellschaft von der Straße her ins Theater ein. Dort trifft man auf Edgar Wiersocki, der von einem Turm aus die erlesene avantgardistische Elektronik der Teichmanns zuspielt, verschiedene Videoleinwände, ein Beduinenzelt, hinter dem sich, bis es in die Unterwelt geht, das Orchester versteckt und drei Orfeen. […]

Die Aufführung gräbt in tiefen Mythenschichten, fördert sie auf aberwitzige Weise zu Tage, man muss nicht jeden Moment unmittelbar verstehen, auch die Kostüme von Yassu Yabara nicht. Pluto etwa ist der große, weiße Hamster des Todes, doch Johannes Mooser ist keineswegs ein alter, weißer Mann, sondern unerschrocken und jugendlich. Überhaupt wirkt die Aufführung wie ein langer Augenblick gemeinsamen Herstellens, der jedes Mal anders sein kann. Die Musik wird gefeiert, Monteverdi und Teichmann schieben sich immer stärker ineinander, der Rausch stellt sich ein. Und auch eine mögliche Zukunft des Genres Oper.”

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 15.03.2020

“Die Seele ist ein Granatapfel und der Herr der Unterwelt ein Albino-Hamster: Das Theaterkollektiv “Hauen und Stechen” zeigte den Orpheus-Mythos als dreistündige Performance mit einem wahrhaft kosmischen Bilderstrom, der live im Netz zu verfolgen war.

Naja, eine Reise in die Unterwelt ausgerechnet jetzt, in Corona-Zeiten, das könnte so mancher falsch verstehen. Und dann schreiten da auch noch ein paar merkwürdige Gestalten durch den Regensburger Abend, sammeln sich zu einer Prozession, trommeln, als ob sie damit die Seuche vertreiben, das Virus in die Flucht schlagen oder zumindest ein paar arglose Passanten aufscheuchen wollten. […]

Das ist kein herkömmlicher Opernabend, an dem Claudio Monteverdis herrlich schwermütige Musik von 1606 vorbeiplätschert, sondern ein wild bewegter Reigen aus teils bizarren Bildern und Klängen zum Thema Unterwelt […]

Eurydike, die an einem Schlangenbiss stirbt, wird von geschickten Fachkräften ihrer Seele beraubt, die sich nach längerer Suche in den Eingeweiden als Granatapfel erweist. Pluto, der Herr der Hölle, ist tatsächlich als tollpatschiger Albino-Hamster unterwegs, als aristokratischer Höhlenbewohner, der im dekorativen Schwarzlicht regiert, und Orpheus gleich dreifach präsent, als Mezzosopran, als Countertenor und als Schauspieler. Das ergab ein buchstäblich buntes Tohuwabohu, das um den antiken Mythos kreiste, wonach kein Sterblicher aus dem Jenseits zurückkommen darf, weil sonst der Lauf der Jahreszeiten durcheinander gerät, also der Rhythmus von Aussaat und Ernte.

Staub in der Luft

Immer wieder wird mit Wasser hantiert, schließlich müssen alle Verstorbenen über den Styx, den Unterwelt-Fluss. Staub steht bisweilen in der Luft, das Material, zu dem alles Leben zurückfindet, der Sternenhimmel funkelt, Sinnbild des Universums, vor dem der einzelne Mensch so zerbrechlich, unbedeuteund und hilflos wirkt. Und letztlich spiegelte sich der Kosmos im mikroskopisch Kleinen, der Ei- und der Samen-Zelle, die zueinander finden.

Wer sich diesem existentiellen Bilderstrom hingeben konnte, war danach garantiert aufs Angenehmste berührt, beglückt, angeregt. […]

Dirigent Tom Woods macht diese Orpheus-Sause fulminant mit, Thorbjörn Björnsson ist ein sagenhaft charismatischer Orpheus-Performer, Onur Abaci eine wunderbar pompöse Allegorie der Hoffnung. Gerade die wird ja gerade überall dringlich auf der Welt gebraucht.”

Peter Jungblut, BR, 15.03.2020

“Im Velodrom endete am Samstagabend gegen 23 Uhr ein Theater-Abend, den es so in Regensburg noch nie gegeben hat – ein in mehrfacher Hinsicht singuläres Kunsterlebnis für einen sehr kleinen Kreis. Das infektiöse Potenzial zeigte sich dann von unerwarteter Seite. […]

Eine Art mittelalterlicher Festzug – oder Pestzug? – voll wunderdsamer Gestalten sammelte sich tanzend und gaukelnd vor der Tür und bildete den Auftakt für einen außergewöhnlichen Theaterabend, der einen packte und alles zugleich war: berührend, orgiastisch, zart, vogelwild, poetisch, albern, derb und pur. […]

Auf der Bühne wurde mit Mundschutz operiert und mit Eingeweiden hantiert, gelitten, ersehnt, gestorben und gefeiert. Jede Menge Orpheuse, weiß gekleidete Heiler, Zensoren, ein überdimensionaler Hamster, eine Sternenfrau und andere Gestalten beamten die Uroper “Orpheus” ins Jahr 2020. Das Orchester – am Pult: Tom Woods – war in ein Zeltrund auf der Bühne versetzt, im Unterbauch der Bühne wirden blutige chirurgische Eingriffe durchgeführt und in einem Pool zwischen den Zuschauerplätzen mörderisch geplanscht.”

Marianne Sperb, Mittelbayerische Zeitung, 15.03.2020

“Für Tempo und weitere Bilderfluten sorgten immer wieder die Ausflüge in den Bühnenunterboden, wo sich zwischenzeitlich wenig vertrauenserweckendes medizinisches Personal an der verstorbenen Braut zu schaffen macht. Köstlich, wie Orfeo dort von Onur Arbaci als Spaghetti-Mama Speranza mit umgeschnallten Riesenbrüsten herzlich empfangen wird. All das machte der bewundernswerte, auch darstellerisch geforderte Martin Mallon mit der Live-Kamera auf dem großen Bildschirm im rechten Bühnenteil sichtbar. […]

Mit einer ersten Retro-Techno-Nummer zur Styx-Überquerung wird vor der Pause aber klar, wohin die Reise im zweiten Teil geht: Immer öfter übernimmt Edgar Wiersocki an Synthie und Computer das Kommando und verwandelt den Abend mehr und mehr in einen düster-apokalyptischen Rave.”

Juan Martin Koch, nmz, 15.03.2020

“Zwei Männer, die vorm Discounter schwankend Bierflaschen leeren, schauen auf den von dumpfen Trommelschlägen begleiteten Zug, als sähen sie eine Erscheinung. Eine Geisterei vielleicht, mit nicht ganz durchschaubaren Ritualen bis hin zur Toten, die dekorativ im Weg liegt.

Es ist die Einstimmung, die Vorbereitung auf eine der spektakulärsten, eindrucksvollsten und ganz sicher spannendsten Theaterereignisse der letzten Jahre, vielleicht Jahrzehnte. […]

Einerseits folgt die Inszenierung damit dem klassischen Stoff des Sängers mit der göttlichen Stimme und seiner Geliebten. Gleichzeitig springt sie im fast märchenhaften Verschieben zeitlicher und semantischer Ebenen immer wieder aus den Gleisen, wie das Bühnengeschehen, das teilweise im Zuschauerraum stattfindet und diese mit einbezieht.”

Michael Scheiner, Mittelbayerische Zeitung, 16.03.2020

“Eine Muse im Sternenkostüm, ein riesiger weißer Hamster, die Göttin der Hoffnung als männliche Nonna mit riesigen Brüsten – die Liste an absurden Bildern und skurillen Umsetzungen ließe sich endlos weiterführen.

Überall gibt es kleine Details und versteckte Hinweise zu entdecken. Langweilig wird es jedenfalls nie.”

Maria Stich, Rundschau Regensburg, 18.03.2020

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