Whale Whale Song

Volksbühne, Premiere 27.09.2019

im Rahmen von BAM! Berliner Festival für aktuelles Musiktheater

Seeleute vernahmen im Gesang der Wale lange das Lied von Meerjungfrauen. Er ist Futterton, er ist oftmals auch Liebeslied, und über enorme Distanzen hinweg verhilft er Familien zur Ortung ihrer Mitglieder. Wale aber müssen heute lernen, lauter zu singen. Abgestorbene Korallenriffe schlucken ihr Lied, anstatt es wie früher zu reflektieren. Bohrinseln, Schiffsmotoren, Sonare übertönen ihren Ton, zerstören so ihre Orientierung und lassen sie immer häufiger stranden.

Als Hommage an die verklingende Musik der Wale bedient sich THE WHALE WHALE SONG Quellen aus unterschiedlichsten Bereichen, um tief ins Menetekel des Verhältnisses des Menschen zum Wal und, über diesen hinaus, zur Natur zu führen.

MIT Gina-Lisa Maiwald (Schauspiel), Angela Braun und Martin Gerke (Gesang), Roman Lemberg (Tasteninstrumente), Hauke Renken (Schlagwerk)

REGIE Franziska Kronfoth MUSIKALISCHE LEITUNG Roman Lemberg BÜHNE UND KOSTÜME Lena Fay REGIE-MITARBEIT, LICHT Georg Schütky AUSSTATTUNGSASSISTENZ Iris Christidi HOSPITANZ AUSSTATTUNG Erwin Ehrlich

PRESSE

Walla! Walküren und andere Wale beim BAM!-Festival                           

Endlich eine gelungene Inszenierung der Todesverkündigung! Leider nicht im milleschweren Regie-Murks an der Staatsoper Unter den Linden, wo der aktuelle Ring des Nibelungen (musikalisch famos) gerade zum letzten Mal läuft. Dafür, wer hätte das gedacht, beim BAM! Berliner Festival für aktuelles Musiktheater an der Volksbühne Berlin und ein paar anderen Berliner Spielstätten. The Whale Whale Song nennt sich da ein neues Stück eines Kollektivs mit dem feinen Namen Hauen und Stechen, das in freier Assoziation durch alle Walgeschichten der Welthistorie flukt – inklusive Wagners Wal-Küre.

Und da hört man, dass die wirklich gut singen können, allen voran die Sopranistin Angela Braun als Brünnhilde – aber sie tun es so, wie sie wollen, von einem Klavier begleitet, schlüssig durchrhythmisiert und immer im Kreis um eine Art Mehrzweck-Seeigel. Und während sich die ausgesprochen komische Performerin Gina-Lisa Maiwald schließlich noch als beleidigter Siegmund in den Seeigelstacheln windet, verwandelt sie sich schon in den fluchenden Pinocchio. Schließlich landet der auch mal im Bauch eines Wals.

Im ausgesprochen kurzweiligen Schweinswalgalopp geht es in The Whale Whale Song quer durch die Best of Whales: die biblische Mär von Jona natürlich zuallererst und den Plot vom Pottwal Moby Dick. Und quer durch die Gänge und Foyers der Volksbühne: Wie bei guten alten Avantgarde-Komponisten wie Helmut Lachenmann Instrumente auf jede erdenkliche Weise benutzt werden, außer wie gedacht, so bespielen Hauen und Stechen jeden Winkel des Theaters, auch Garderoben und Schränke, nur nicht die Bühne. Das verbogene Blechgebläse hallt in den Treppenhäusern aber auch zu schön! Und durch rot verglaste Fenster sieht man das olle Park-Inn-Hotel am Alex im Abendlicht, als würde es endlich verbrennen.

Und kreuz und quer gehts eben auch durch die Musikgeschichte: Neben improvisierten Klängen hören wir klassisches Opernrepertoire, aber in einer ganz eigenwilligen Mischung aus spürbarer Professionalität und gaudispritzendem Avanti dilettanti. Eine Händel-Arie ist dabei und der Frost aus Henry Purcells King Arthur und auch die geheimnisvolle Grottenszene aus Pelléas et Mélisande. Dass einem dann auch noch beglückende Wortkreationen wie taghell erloschen begegnen, macht die theatralische Ernte wirklich reich.

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Albrecht Selge / hundert11.net

Fotografie (c) Thilo Mössner

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