Notre Carmen

9.-19.11.2017, Théâtre de l’Athénée, Paris

13.-17.12.2017, Sophiensæle, Berlin

Regie: Franziska Kronfoth

Bühne, Kostüme: Christina Schmitt

Musikalische Leitung: Roman Lemberg

Arrangement: Louis Bona

Choreographie: Julia Lwowski

Video: Martin Mallon

Dramaturgie: Maria Buzhor

Mit Gina-Lisa Maiwald, Günter Schanzmann (Schauspiel), Angela Braun (Sopran), Valentin Bezençon (Tenor), Thorbjörn Björnsson (Bariton), Louis Bona (Viola), Eri Hatanaka (Harfe), Roman Lemberg (Klavier, Akkordeon), Shin Joo Morgantini (Flöte)

Ich wusste schon immer, dass wir zusammen enden würden.

ES STEHT GESCHRIEBEN. Carmen und Don José verlieben sich ineinander. Carmen wird verurteilt, doch Don José geht für sie ins Gefängnis. Als er zwei Monate später frei ist, ist alles anders. Es läuft nicht gut, sie verstehen sich nicht mehr. Dabei hatten beide doch so viel Liebe zu geben! Als Don José aus Versehen seinen Vorgesetzten tötet, muss er den Traum von einer bürgerlichen Existenz endgültig aufgeben. Er geht in den Untergrund und schließt sich Carmens krimineller Bande an. Wie Carmen versteht sich auch der Stierkämpfer Escamillo darauf, eine prekäre Existenz am Rande der Gesellschaft fulminant zu gestalten. Beide verbinden eine materialistische Haltung mit einem unstillbaren Streben nach utopischer Freiheit. Sie haben viel gemeinsam, doch auch ihre harmonische Liebe muss von kurzer Dauer sein. Der tief verletzte, seiner Hoffnungen beraubte Don José wird Carmen töten.

Für NOTRE CARMEN kommt eine obskure Gesellschaft von Carmen-Expert_innen zusammen, deren Mitglieder längst verstanden haben, dass sie nicht frei sind. Sie sehnen sich nach einer Welt, in der sie alle besser leben können. Ihre Carmen zerfließt vor Schmerz und Liebe und kommt in einer Komplizenschaft zusammen, die verstehen will, warum es nicht klappt. Sie sind arm, sie riechen schlecht und sie streiten sich. Sie haben nichts zu verlieren und so loten sie unermüdlich Strategien aus auf der Suche nach einer Freiheit, die nichts verklärt und einer Intimität, die sich dem anderen öffnet. Sie sind entstellt, beinahe unkenntlich geworden. Denn wer in einer Welt, in der alles entschieden scheint, Fragen stellt, der wird zum Monster. Dieser Carmen-Reigen sich verändernder Körper ist eine Prozession entlang der Orte und Klänge von Bizets Oper, der Zigarettenfabrik, der Taverne, dem Gefängnis, der Arena. Immer und immer wieder durchschreiten unsere Carmencitas den mythischen Raum der schicksalhaften Dramaturgie und spielen in wechselnden Konstellationen die Figuren Carmen, Don José und Escamillo. Sich begegnen, sich nach einander sehnen, sich lieben und dann: sich nicht mehr lieben.

Presse/Kritik

„An Courage mangelt es nicht. Wer an einem 13. eine Premiere mit dreizehn Darstellern auf die Beine stellt, ersetzt den an Theatern verbreiteten Aberglauben mal einfach durch Übermut. Davon gibt es reichlich in der aktuellen Produktion des Musiktheaterkollektivs Hauen und Stechen.“

Lucia Tirado, Neues Deutschland, 15.12.2017

„Der Abend, von Kronfoth inszeniert und von Lwowski choreografiert, lebt von seiner kollektiven Verrücktheit, vom Rollentausch, von der Parodie (die nicht selten auf die Kosten der Männer geht, aber das ist absolut nachvollziehbar im patriarchalen Staate) und von einer faszinierenden Dramaturgie: Die Stationen Carmens und ihrer männlichen Widerparts Don José und Escamillo werden dureinandergeschüttelt; die Chonologie ist destabilisiert, aufgebrochen zugunsten einer instruktiven Neubefragung des Stoffes. Carmen ist von gestern, von heute und auch schon von morgen. Sie ist, wie ihre Vorgängerin Turandot, eine Kämpferin in eigener Sache, aber zugleich extrem eingebunden in den musikalischen Kontext. Auch diesmal sticht heraus: diese wunderbare Leichtigkeit mit der Bizets Partitur arrangiert wird, von einem Miniaturensemble, bestehend aus Klavier, Akkordeon, Trompete, Viola, Harfe und Flöte. Und das genügt, um die Magie des Stückes zu evozieren. Der Gedanke ist gemein. Doch er durchfliegt den Besucher: Wozu braucht es eigentlich ein großes Orchester und üppig ausgestattete Inszenierungen, wenn es weit konziser auch mit diesem Gegenzauber funktioniert?“

Jürgen Otten, Opernwelt, Ausgabe 02/18

Vollständige Kritik NOTRE CARMEN aus der OPERNWELT, Ausgabe 02/18

GEGENZAUBER

Das Künstlerkollektiv „Hauen und Stechen“ vitalisiert die Musiktheaterszene mit ungewohnten Interpretationen bekannter Stoffe

Der kurze Sommer der Anarchie dauert an.

Mit unverminderter Kraft, mich frech-frivolem, umgekehrt-erhabenem Geist. Doch nicht durch die großen Berliner Häuser wandelt derzeit die kecke Gestalt. Man muss in die Seitengassen der bundesdeutschen Kapitale abbiegen, um ein Musiktheater zu erleben, das in einer Gesellschaft von Singularitäten jenen Gegenzauber entfacht, der über reinen Spaßguerilla-Aktionismus hinausweist. Es geht um eine erweiterte Idee von dem, was theatral möglich ist. Und die ist, in ihrer Andersartigkeit, Authentizität und anarchischen Grundstruktur, fürwahr betörend.

Die Gruppe „Novoflot“ hat es vorgemacht. Nun schickt sich das Kollektiv „Hauen und Stechen“ an, dieses Ideal einer diskursiven, mit soziologischen wie anthropologischen Kontexten angefüllten Interaktion fortzusetzen.

Interessant ist daran zunächst, dass sowohl Franziska Kronfoth und Julia Lwowski, die 2012 gemeinsam mit dem Fotografen und Galeristen Thilo Mössner „Hauen und Stechen“ ins Leben riefen, an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ studiert haben.

Was zwei Deutungsoptionen offeriert: Entweder sie alle empfanden das Studium als so konventionell, dass sie dem guten, alten Stadttheater noch vor dem ersten Engagement abschworen. Oder sie erhielten deutlichste Impulse, die sie ermutigten, einen eigenen Weg zu gehen.

Unverkennbar bei Kronfoth und Lwowski das Faible für tragische Frauenrollen. Doch nicht als Verratene und Verkaufte betreten sie die Bühne der Sophiensäle, sondern als vielschichtige Gestalten. Schon Turandot war mehrer, und so ist es auch jetzt Carmen. Ein Vorbild dieser Carmen ist gewiss die junge Frau aus Luis Bunuels Filmklassiker „Das obskure Objekt der Begierde“, die von zwei Schauspielerinnen verkörpert wird, von Carole Bouquet als intellektueller Carmen und Angela Molina als sinnlicher Carmen. Hier ist Carmen aber noch mehr: Sie ist die Primadonna assoluta, schlicht-naiv Liebende, Freundin, Feministin, Femme fatale, Femme fragile- irgendwie alles zusammen. Bezeichnend, dass im Programmheft keine konkrete Zuordnung getroffen wird,

Der Abend, von Kronfoth inszeniert und von Lwowski choreografiert, lebt von seiner kollektiven Verrücktheit, vom Rollentausch, von der Parodie (die nicht selten auf Kosten der Männer geht, aber das ist absolut nachvollziehbar im patriarchalen Staate) und von einer faszinierenden Dramaturgie: Die Stationen Carmens und männlichen Widerparts Don José und Escamillo werden dureinandergeschüttelt; die Chonologie ist destabilisiert, aufgebrochen zugunsten einer instruktiven Neubefragung des Stoffes. Carmen ist von gestern, von heute und auch schon von morgen. Sie ist, wie ihre Vorgängerin Turandot, eine Kämpferin in eigener Sache, aber zugleich extrem eingebunden in den musikalischen Kontext. Auch diesmal sticht heraus: diese wunderbare Leichtigkeit mit der Bizets Partitur arrangiert wird, von einem Miniaturensemble, bestehend aus Klavier, Akkordeon, Trompete, Viola, Harfe und Flöte. Und das genügt, um die Magie des Stückes zu evozieren. Der Gedanke ist gemein. Doch er durchfliegt den Besucher: Wozu braucht es eigentlich ein großes Orchester und üppig ausgestattete Inszenierungen, wenn es weit konziser auch mit diesem Gegenzauber funktioniert?

Jürgen Otten

Fotografie, Kamera (c) Thilo Mössner

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