Fidelio. Ein deutscher Albtraum in vier Folgen. SCHWARZ. ROT(Z). GOLD. STURM.

SCHWARZ

Auf dem Weg, den Leonore zur Rettung ihres Ehemannes Florestan geht, gelangt sie bis zu dem Abgrund, den ein Wall dumpfer Schwerhörigkeit umgibt. Leonore ist Fidelio. Ein klaffendes, dunkles Loch springt ihr entgegen, seine Wände sind verkleidet mit Bahnen aus düsterem Stoff und seine Oberfläche ist uneben und mit Abermillionen kleinster Röhrchen gespickt. Bis zum Äußersten sind sie angefüllt mit dem verloren gegangenen Licht. Wir wissen: Das schwarze Loch ist nicht die Leere, sondern ein Viel-zu-Viel an Energie, und unter dem unheilvollen Vorzeichen der bürgerlichen Liebe werden ringend Bande geschlossen. Sie sollen die schwarzen Flecken verdecken, die die Angst vor kapitalistischer Unzulänglichkeit und disparater Existenz hinterlassen hat. Aber Einsamkeit lässt sich nicht täuschen und die Ungeheuer, die für sie stehen, legen ihre Eier unter die Haut. Man muss sich dem Gipfel jener notwendigen, aber nie zugänglichen Spitze zuwenden, die sich außerhalb unseres Blicks in die Richtung des Herzens der Dinge gräbt, um den Punkt zu erreichen, an dem sich die Wesen verknüpfen.

Bedrohlich am Abgrund nationalistischer Aufgeräumtheit hängen HAUEN•UND•STECHEN in der ersten Folge SCHWARZ ihrer neuen Beethoven-Serie SCHWARZ-ЯOTZ-GOLD-STURM. FIDELIO-EIN DEUTSCHER ALBTRAUM IN VIER FOLGEN und springen verschleiert in die Verliese bürgerlicher Verbindlichkeiten.

KONZEPT Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen| REGIE Franziska Kronfoth | DRAMATURGIE Johanna Ziemer | BÜHNE Hsuan Huang | KOSTÜM Günter Hans Wolf Lemke | MUSIKALISCHE LEITUNG, ORGEL Antoine Rebstein | VIDEO Martin Mallon |MASKE Valeria Popov| SOPRAN Yasmine Levi-Ellentuck | BASSBARITON Philipp Mayer | SCHAUSPIEL Tatiana Nekrasov | KLAVIER Ben Cruchley

ROTZ

ROTZ ist der zweite Teil der Serie Schwarz – Rotz – Gold – Sturm. Fidelio. Ein deutscher Alptraum in vier Folgen. Beethovens Befreiungsoper hüllt sich in dieser Folge in rote Gewänder, um den Leichen in den Kerkern des deutschen Idealismus auf den Leim zu gehen.

In einer Abkehr von dieser apokalypsegetränkten, komplizierten Zeit gehen wir unter Erde, in die neue Welt, in die Kantine, wo die KPD mal saß, um dort gemeinsam auf eine neue deutsche Welt zu hoffen. Es ist teuer und es ist ohne Gewähr. Beethoven ist hierbei die einzig sinnvolle musikalische Antwort. Mit ihm läuft alles gerecht, symphonisch und gewaltsam ab. Uns alle treibt letztlich der unstillbare Glaube an eine schönere Welt, aber sie gibt es nicht und sie können wir auch nicht so ohne Weiteres ausdenken. Also halten wir uns aneinander fest und singen. Wir sagen ja zu einer utopischen Fahne und zu einer pathetisch-hysterischen Beethoven-Rezeption. Ludwig, wir beide gegen den Rest der Welt. Pelze. Kälte. Loyalität.Nation.Ohnmacht und Potenz. Alptraum als Chance. Hoffnung.

KONZEPTMusiktheaterkollektiv Hauen & Stechen | REGIE Julia Lwowski |DRAMATURGIE Maria Buzhor | BÜHNE Romy Springsguth | KOSTÜM Ingibjörg Jara Sigurðardóttir | MUSIKALISCHE LEITUNG, KLAVIER, ORGEL, AKKORDEON Roman Lemberg |VIDEOMartin Mallon | MASKE Valeria Popov | LICHT Konrad Dietze| SOPRAN Angela Braun | SCHAUSPIEL Gina-Lisa Maiwald & Wieland Schönfelder | VIOLA, SOUND Louis Bona | SCHLAGWERK Evdoxia Filippou |PERFORMANCE Geoffroy Grison & Tatjana Moutchnik

GOLD

Der Gefangene Florestan leidet Hunger und vermisst seine Frau. Unter extremer Belastung, gejagt von den Schatten unsichtbarer Systeme, von anachronistischen Kriegsmaschinen und Größenwahnsinn gerät er in eine gespenstische Ökonomie, die Scheiße und Gold nach eigenen Gesetzen verteilt und nach Belieben verwandelt. Bleibt ihm noch Zeit zum Desertieren? Wie viele Jahre sind vergangen? Wird Beethoven überhaupt noch gespielt?

In GOLD, der dritten Folge ihres deutschen Alptraums, machen HAUEN UND STECHEN eine Kampfübung, in der sie zuallererst gegen den inneren Feind vorgehen, um in erster Linie sich selbst in die Luft zu jagen. Extreme Zustände erfordern extreme Mittel. Wir haben es uns nicht ausgesucht: Sie erwartet ein Krieg der Geschlechter, ein Wandeln am Rande des Abgrunds, ein metallischer Nachgeschmack und eine Menge Gold! Es geht hier wirklich zur Sache!

KONZEPT Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen| REGIE Franziska Kronfoth & Julia Lwowski | DRAMATURGIE Maria Buzhor & Johanna Ziemer | BÜHNE Lotta Hench| KOSTÜM Ingibjörg Jara Sigurðardóttir| MUSIKALISCHE LEITUNG, ORGEL Roman Lemberg | VIDEO Martin Mallon | MASKE Valeria Popov | SOPRAN Vera Maria Kremers, Ulrike Schwab | SCHAUSPIEL Gina-Lisa Maiwald, Wieland Schönfelder | VIOLONCELLO Anna Karolina Egger | KLAVIER Ben Cruchley

STURM

Im Finale der vierteiligen Serie zu Beethovens Fidelio bricht ein Sturm in den Sophiensælen los: In einem Parcours über verschlungene Hintertreppen und durch geheime Verliese werden Performer*innen und Zuschauer*innen gleichermaßen zu Akteur*innen der lang ersehnten Revolution. In den vergangenen Folgen hat das Kollektiv mit einem Guerilla-Lachen Salz in eigene Wunden und Sand in fremde Augen gestreut: Die Eigenheiten des Gefängnislebens sind durchleuchtet, die Psyche des Systems seziert.

Doch die Lust am Gemetzel und der historische Müll haften an HAUEN UND STECHEN wie die Hoffnung am Spätkapitalismus. Die Camouflage verformt die Absichten, die falschen Fährten brechen ein und wen man glaubte zu lieben, ist hier im feindlichen Auftrag.

Sieht so der Beginn einer neuen Welt aus und ist das nationalistische Deutschland wirklich totzukriegen? Nur eines ist sicher: Alleine kommt man hier nicht heraus. Die Abschlussinszenierung der Fidelio-Serie ist die symbolische Abrissparty einer zweijährigen, intensiven und fruchtbaren Zusammenarbeit des Musiktheaterkollektivs mit den Sophiensælen, aus der zwei erfolgreiche Musiktheater-Serien zu Giacomo Puccini und Ludwig van Beethoven hervorgegangen sind.

KONZEPT Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen| REGIEFranziska Kronfoth & Julia Lwowski | DRAMATURGIE Maria Buzhor & Johanna Ziemer | BÜHNE Adrian Ganea &Hsuan Huang | KOSTÜM Lea Søvsø | MUSIKALISCHE LEITUNG, KLAVIER, AKKORDEON Roman Lemberg | VIDEO Martin Mallon | MASKE Martin Rink | LICHT Konrad Dietze | SOPRAN Angela Braun, Vera Maria Kremers | BARITON Thorbbjörn Björnsson | SCHAUSPIEL Gina-Lisa Maiwald, Majaw Njaay, Günter Schanzmann | SCHLAGWERK Evdoxia Filippou | VIOLONCELLO Jakob Roters | KLAVIER Ben Cruchley

PRESSE

„Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen macht mit Opern, was Frank Castorf mit Stücken macht: Es zertrümmert sie. Aber, auch wie Castorf, nicht um der Zerstörung willen, sondern um die Bausteine, den Kern freizulegen und neu zu betrachten.“

Tagesspiegel, Mathias Kreienbrink, 15.02.2018

„Beethoven schrieb seine 1805 uraufgeführte Oper „Fidelio“ als „Rettungs- und Befreiungsoper“ gegen jedwede Tyrannei. Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen inszeniert die Oper in seiner neuen Serie „Schwarz-Rotz-Gold-Sturm“ nun als deutschen Albtraum in vier Folgen. Beethovens Befreiungs-Impetus erklingt hier nur noch als verzerrtes Echo romantischer Hoffnungen. Das historische Selbstbild als Nation der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird bis zum Einsturz zelebriert, und am ersten Abend „Schwarz“ werden alle, die Guten wie die Bösen, mit dunklen Schatten überzogen.“

taz, 15.02.2018

„Zwischen „Rotz“ und Revolution

Die Sophiensæle kultivieren die Anarcho-Oper

In „Rotz“, dem zweiten Teil der Serie, die sich mit deutscher Geschichte befasst, hüllt sich Beethovens Befreiungsoper in rote Gewänder, um den Leichen aus den Kerkern des deutschen Idealismus auf den Leim zu gehen. „Rot ist das Blut der Herrschenden, rot sind die Knöchel der Gerechten und das glühende Eisen, das sich auf ihre Haut presst“, heißt es beim Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen.“

Märkische Oderzeitung, 03.04.2018

„Das unkonventionelle Kollektiv Hauen und Stechen um die Regisseurinnen Franziska Kronfoth und Julia Lwowski macht zeitgenössisches Musiktheater mit traditionellen Opernstoffen. In „Gold“, der dritten Folge ihrer vierteiligen Dekonstruktion von Beethovens Beiferungsoper „Fidelio“, nimmt sich die gern interaktiv aufspielende Truppe des Freiheitsbegriffs an. Zur Finanzierung der Revolution und zur Befreiung ihres Gatten Florestan aus dem Gefängnis braucht die als Fidelio verkleidete Leonore eben das, wovon der Kerkermeister Rocco songt: Gold.“

Zitty, Hermann-Josef Fohsel, 13.09.2018

VAN Magazin, Susanne Øgland, 26.09.2018

„…die neue Perfomance des Berliner Musiktheaterkollektivs HAUEN UND STECHEN, das seit 2012 die freie Szene mit seinen bildgewaltigen, klugen und assoziationsreichen Opernarbeiten aufmischt.“

„In GOLD tobt der Erste Weltkrieg und wir befinden uns um die hundert Jahre nach der Uraufführung von Beethovens Oper. Das Bühnenbild zeigt eine vernebelte Schützengrabenlandschaft, deren Gänge gleichzeitig auch als Goldmine zu verstehen sind (Bühne: Lotta Hench). Die vom Krieg traumatisierten und verrohten Deutschen entdecken dort plötzlich zwischen Leichen und Schutt ein Phantasma: das Gold. Dieses Trugbild ist der Ausgangspunkt für ein sarkastisches, aber sehr unterhaltsames Experiment, in dem Beethovens Nationaloper und ihr Befreiungs-Thema sehr kühn in einem bildhaften Raum angegangen werden. Die Opernsänger, Schauspieler und Musiker von HAUEN UND STECHEN werden dabei im Laufe der Performance zu einer verblendeten New-Age-Sekte nach dem alchemistischen Prinzip: Ewiges Leben erlangen, Blei in Gold verwandeln, wo jeder das, was er sucht, auch zwischen den Toten finden kann: sich selbst, seinen verloren geglaubten Partner, Reichtum, ein Stückchen Ideologie und die Fidelio-Musik…“

„Als Publikum steht man buchstäblich mittendrin, wie bei einem Happening, auch teilweise ziemlich überfordert, denn [ihre] Arbeit ist voller Referenzen. Bei GOLD zünden ständig neue Assoziationen (…) [Sie arbeiten] mit alchemistischen Texten, mit Texten aus der Apokalypse, mit New-Wave Pop-Musik, mit irischen Heimatliedern im Arrangement von Beethoven.“

„((([Sie bleiben] trotzdem nah dran an der Essenz von Oper, lassen diese aber in einem völlig anderen Rahmen aufleben. (…) Das Absurde [an ihrer] Arbeit ist, dass man, wenn man sich auf die Methode einlässt, das Orchester tatsächlich keine Minute vermisst, obwohl [sie] mit einer kleinen Anzahl Musiker arbeiten und [die] Darsteller eine Mischung aus geschulten klassischen Stimmen und ungeschulten Stimmen mitbringen.))) [Ihre] kollektive Herangehensweise ist in ihrer Vielschichtigkeit vergleichbar mit der polyphonen Kraft eines symphonischen Orchestersatzes.“

„[Florestan und Leonore] sind bei [ihnen] zu einer Figur verschmolzen und können von allen Darstellern, Frauen wie Männern, verkörpert werden. So ist Fidelio bei [ihnen]ein Spiel jenseits der Geschlechter, gleichzeitig ein Spiel über Geschlecht und Bestimmung.“

„Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen macht seinem Namen alle Ehre. […] mal eingehegt, mal wieder befeuert durch Musiker, die in einem schier überwältigenden Bühnenbild ihren Platz inmitten der Zuschauer behaupten. Denn natürlich gibt es bei dieser Truppe gar keine Trennung von Bühne und Zuschauerraum mehr.

Man sinkt ein in dieses wilde Überwältigungsszenario, in das die Live-Kamera dankenswerterweise einige Schneisen des Verstehens schlägt und einzelne Momente schier in die Netzhaut brennt. […]

Alle Zeichen stehen auf Gefangenenbefreiung. Das gesamte Gebäude der Sophiensaele ist Handlungsort. Wer Musiktheater in seiner entfesselten Form erleben will, ist hier genau richtig.“

Fotografie, Kamera (c) Thilo Mössner

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